„Where science meets computer assisted reporting“ war Thema der dreitätigen Konferenz SciCAR 2017, die gerade an der TU Dortmund zu Ende gegangen ist. Dieses „Computer-gestützte Berichten“ meinte den Journalismus. Das Institut für Journalistik der TU Dortmund war Gastgeber von 140 Teilnehmern; allen voran die Großen der deutschsprachigen Datenjournalismusszene wie Spiegel, SRF, BR, NDR, Morgenpost, Tagesspiegel, Stern, SZ, diesmal verstärkt von einem Chicago Tribune Redakteur mit einer stark beachteten Datengeschichte. Sie trafen sich mit Wissenschaftlern aus Kiel, Hamburg, Bielefeld, Dortmund, Frankfurt, Darmstadt, bis nach München, Freiburg und Stuttgart – vor allem von Lehrstühlen für Informatik, Journalistik, Mathematik, Sozialwissenschaften, Statistik. Was führte sie zusammen? Und was treibt in diesem illustren Kreis der PR-Verantwortliche des Internationalen Controller Vereins (ICV)?

Mich trieb eine große berufliche Neugierde an heißen Themen – von Big Data und Algorithmic Accountability bis KI und Maschine Learning – im Journalismus. Zugleich führte mich meine feste Überzeugung auf diese Tagung, dass Datenjournalismus und Controlling sehr viel mehr verbindet, als auf den ersten Blick zu vermuten ist. Nach drei spannenden Tagen kann ich sagen: Meine Position hat reichlich neue Nahrung bekommen.

„Zumindest eine Teil-Lösung“

Journalismus und Wissenschaft sind zwei Welten. Zumindest bislang. Wie Holger Wormer, Professor für Wissenschaftsjournalismus der TU Dortmund, eingangs der Konferenz erklärte, könnten beide zusammenarbeiten, „sie tun es aber nur selten“. Heute gäbe es noch mehr Gründe als in der Vergangenheit zu kooperieren: In Zeiten des Information Overload gelte es gemeinsam Wege zu finden, damit die Menschen in ihrer begrenzt verfügbaren Zeit Qualitätsinformationen anstatt Fake News aufnehmen. Die Digitalisierung und der damit einhergehende „Strukturwandel der Öffentlichkeit“ stelle zudem neue, hohe Anforderungen an den Journalismus. Adelheid Wessler vom Kongress-Sponsor Volkswagen-Stiftung meinte gar in ihrer Eröffnungsrede, heutzutage müsse sich auch der Journalismus stärker legitimieren.

Laut Prof. Wormer stecke zwar viel Pathos in seiner Einschätzung, doch gehe es jetzt darum, „zwei Wahrheit suchende Systeme“ – Wissenschaft wie Journalismus – enger zu verzahnen. Die Kooperation von Wissenschaftlern und Journalisten soll „Datenkompetenz“ schaffen; als Abwehrmittel gegen den Vorwurf „Lügenpresse“, lautet der Ansatz. „Mit immer weniger“ könne der Journalismus seinen gesellschaftlichen Auftrag nicht erfüllen, so Wormer. Gedanken über neue Wege seien nötig. Die Zusammenarbeit von Journalisten und Wissenschaftlern könnte zumindest eine Teil-Lösung sein. Dabei seien die beiden Welten gar nicht so verschieden: Beide sammeln, analysieren Daten und berichten anschließend über ihre Erkenntnisse. – Aufgaben, hinreichend bekannt auch im Controlling…

Auf dem Kongress sollten zunächst Erfolgsgeschichten vorgestellt und ein Überblick über Tools und Methoden des Datenjournalismus gegeben werden. Diskutiert wurden in Dortmund auch Strukturen für Kooperationen, Qualitätsstandards journalistischer Arbeit mit Daten, die Finanzierung datenjournalistischer Projekte, bis hin zu Ideen von einem neuen Berufsbild an der Schnittstelle von Wissenschaft und Journalismus.

„Was Wissenschaftler können und Journalisten brauchen“

Eine Reihe von Vorträgen der SciCAR 2017 lassen sich im Sinne von „Was Wissenschaftler können und Journalisten brauchen“ zusammenfassen. Dabei kamen zumeist Experten für Computerlinguistik, Geoinformatik, Künstliche Intelligence, auch Maschine Learning sowie Statistik zu Wort. Gemeinsam mit Datenjournalisten entwickelte Projekte – viele davon gefördert von der Volkswagen-Stiftung – wurden vorgestellt.

Auf drei Workshops der Konferenz will ich etwas näher eingehen. Da sprach Christina Elmer, ein Star des Datenjournalismus in Deutschland, Head of Data Journalism bei Spiegel Online. Sie zeigte anhand erfolgreicher datenjournalistischer Projekte, wie Journalisten sich die nötigen Daten (be)schaffen: Ob selbst in Zählungen bzw. Messungen erhoben, aus Umfragen bzw. diversen Quellen bezogen oder per Scraping gewonnen – der Bedarf an strukturierten Daten ist groß. Das Angebot erweitern u.a. immer mehr Open Data Quellen wie auch Social Media Plattformen. Elmer will „die Berichterstattung mit strukturierten Daten bereichern“. – Aufbau und Pflege von Datenbanken als tägliche Aufgabe: eine Parallele zum Controller-Alltag…

Höchst interessiert verfolgte ich einen weiteren, „Ausländerkriminalität: Die Wahrheit der Zahlen“ überschriebenen Workshop mit einer Expertin des Kriminologischen Forschungsinstituts Niedersachsen und einem Wissenschaftler der Uni Bochum, der dort am Projekt „Flucht als Sicherheitsproblem“ arbeitet. Diese moderierte Runde machte sehr deutlich, wie enorm wichtig ein qualifizierter Umgang mit Daten – hier die „Polizeiliche Kriminalstatistik“ (PKS) – ist. Kompetenzen in den Redaktionen sind offensichtlich ebenso nötig, wie auch eine unterstützende Kommunikation durch die „Herren der Zahlen“.

Einen bis an die Schmerzgrenze gehenden Ausflug in die Welt sprudelnder Datenquellen unternahm Marco Maas, einer der Pioniere des Datenjournalismus in Deutschland von OpenDataCity und bei @Datenfreunde, in seinem Workshop. Er demonstrierte, welche Daten die wohl 20 Sensoren eines Handys liefern und wie diese ausgewertet werden können, und er zeigte dabei auch Geschäftsideen, die in diesen Datenschätzen schlummern. Eine Idee: Mit der Kenntnis, was ein Nutzer gerade tut, ihm das für diesen Moment passende – auch journalistische – Angebot machen. Verständlich, dass in diesem Workshop auch die unmittelbar in allen EU-Mitgliedstaaten ab dem 25. Mai 2018 gültige EU-Datenschutz-Grundverordnung zur Sprache kam.

„Freunde der Weisheit“

Die SciCAR 2017 war eine höchst interessante Tagung, der ich in den nächsten Jahren eine erfolgreiche Fortsetzung wünsche. Die Initiatoren wollen die „Kooperationsbereitschaft zwischen Wissenschaftlern, Wissenschafts- und Datenjournalisten ausloten“. Für mich als Öffentlichkeitsarbeiter der ICV-Controlling-Community hat sich gezeigt, dass in der Runde von Wissenschaftlern und Journalisten, die sich selbstbewusst als „Freunde der Weisheit“ bezeichneten, Controlling überhaupt kein Fremdkörper sein muss. Die Gemeinsamkeiten als Grundlage einer möglichen Kooperation von Datenjournalisten und Controlling-Experten sind vielfältig. Sie beginnen bei den aktuellen Herausforderungen: von der geforderten Legitimierung (der Professionen, aber auch von Pojekten), über die Bewältigung der Digitalisierung bis hin zur damit verbundenen Entwicklung neuer Berufsbilder. Natürlich betreffen die Gemeinsamkeiten die „datentechnischen“ Aufgaben; von der Beschaffung über die Analyse bis zum „Reporting“ in Wort und Bild (Visualisierungen), und damit verbunden die Methoden und Tools. Dass Datenjournalisten wie Controller mit denselben Instrumenten arbeiten, zeigten auch in Dortmund einige Beispiele: Aus dem Controlling bekannte Softwarelösungen kommen in den Redaktionen zum Einsatz. Schließlich sehe ich auch das Thema „betriebswirtschaftliches Gewissen“ in diesem Kontext. Große datenjournalistische Projekte sind da waren sich die Experten auf der SciCAR einig aufwendig, teuer und mit großen Risiken (zumeist des Scheiterns) behaftet.

Ob Datenjournalisten schließlich auch schon das handwerkliche „Daten-Knowhow im eigenen Haus“, also das ihrer Controlling-Abteilungen, bei Projekten nutzen? – Darauf habe ich diesmal (noch) keinen Hinweis gefunden. Am Thema Datenjournalismus bleibe ich aber gerne dran.

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