Sündenbockfunktion im Controlling-Prozess

Entsprechend einem Beitrag der FTD vom 16.3. bietet auf der Kleinanzeigen-Website Craigslist ein User an, den Sündenbock für angeschlagene Hedge-Fonds-Manager zu geben: Er nimmt alle Schuld auf sich und geht notfalls ins Gefängnis – solange der Preis stimmt.

Diesen Sachverhalt kennen wir auch als Controller. In vielen Unternehmen gibt es eine Kostenstelle 999 mit der Bezeichnung “Ungeklärte Kontierungen”, für die der Controller zuständig ist. Diese Kostenstelle könnte auch als “Sündenbock-Kostenstelle” interpretiert werden. Falls es einmal schwer zu interpretierende Abweichungen gibt, könnte der Controller einfach erklären, dass er diese Abweichung auf “seine” Kostenstelle 999 nimmt.

Da es eine häufiges Phänomen ist, dass man erst befreit über Lösungen diskutieren kann, wenn man den Sündenbock gefunden hat, der leider nicht häufig eindeutig zu identifizieren ist, könnte dieser Prozess beschleunigt werden, indem sich eine Person, z.B. der Controller, über die KST 999 zum Sündenbock erklärt. Nebenbei dürfte das auch eine sympathiesteigernde Maßnahmen sein, da sich dann Manager nicht als “Sündenbock” abstempeln lassen müssen.

Meine Frau und ich praktizieren diesen Sachverhalt häufig privat. Wenn wir uns sehr auf etwas freuen und dieses dann misslingt, z.B. ein verregneter Urlaubstag oder ein ungeplanter Stau auf dem Weg zu einer Veranstaltung, übernimmt einer von uns wechselweise dafür die Verantwortung. Meine Frau sagt dann beispielsweise: “Okay, heute bin ich wieder für das schlechte Wetter verantwortlich! (=Sündenbock)” Wir lachen dann meistens spontan über diese Absurdität und erkennen dabei, dass es sich um eine von beiden nicht verursachte Abweichungen handelt. Anschließend überlegen wir entspannt, wie wir noch das Beste aus der Situation machen.

Diese paradoxe Intervention, wie es Psychologen nennen würden, hilft, sich von dem vergangenheitsorientiertem “Schwarzen-Peter-Spiel” zu lösen und zukunftsbezogene Korrekturlösungen zu finden.

 

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