Paul Moody Hackett GroupAm 29. März 2017 hat die britische Premierministerin das formale Austrittsverfahren für den Brexit eingeleitet. Für das ICV-ControllingBlog befragte Klaus Bruck den Director der Tochterfirma der Hackett Gruppe (ICV-Firmenmitgliedschaft), REL, Paul Moody. Er ist dort Verantwortlicher für die Projektplanung in Deutschland, Österreich und der Schweiz mit den Schwerpunkten Working Capital Management und Supply Chain Optimierung. Moody spricht über die möglichen Brexit-Auswirkungen auf die europäischen Unternehmen und wie sie sich auch im Bereich Finance und Controlling dagegen wappnen können.

Herr Moody, wie bewerten Sie den „harten Brexit“, den die britische Premierministerin bis 2019 angekündigt hat?

Theresa May hat es Ende März ganz klar und deutlich formuliert: UK will die EU mit allen Konsequenzen verlassen, zudem will das Vereinigte Königreich aus der Zollunion und dem europäischen Binnenmarkt austreten, da liegt das zugegeben etwas zynische Wortspiel vom Mayday schon nahe.

Abgesehen von den direkten Auswirkungen für die gesamte europäische Industrie, was Exporte nach UK angeht, darf man nicht vergessen, dass Großbritannien als eine Art Brücke zwischen der EU und anderen Ländern sowie Offshore-Standorten, etwa Indien, fungiert. Damit ist UK für Global Player bislang ein überaus attraktiver Standort für Dienstleister und die exportierende europäische Industrie. Auch die Auswirkungen auf das Vereinigte Königreich selbst sind noch kaum abzusehen: Die europäischen Importe waren immer wichtiger für UK als umgekehrt die britischen Exporte in Richtung Europa. Nicht nur Deutschland konnte hohe Handelsüberschüsse gegenüber Großbritannien erzielen, vor allem in den Bereichen Pharmazie, Maschinen- und Anlagenbau sowie bei Automobilen – schließlich wurde jedes fünfte der exportierten Automobile deutscher Hersteller nach Großbritannien verkauft. Auch osteuropäische Länder wie Polen, Ungarn und Kroatien exportieren weitaus mehr, als sie aus UK einführen; lediglich für Serbien war die Handelsbilanz 2015 negativ.

Mit welchen Veränderungen sieht sich also die europäische Industrie durch den harten Brexit konfrontiert?

Generell wird der Handel mit UK sicher komplizierter und aller Wahrscheinlichkeit nach auch empfindlich eingeschränkt – heute noch gültige Erleichterungen durch den europäischen Binnenmarkt und die Zollunion werden wegfallen. Das betrifft nicht nur die produzierende Industrie, sondern auch global aktive Dienstleister, natürlich auch Finanzdienstleister, die ihre Leistungsportfolios auch für Großbritannien anbieten und eventuell dort auch generieren.

Die  Rahmenbedingungen werden sich sicher verändern – bestehende Verträge wurden unter aktuell gültigem Recht geschlossen; sie werden durch den Brexit oft hinfällig oder müssen neu verhandelt werden. Was genau eintreten wird, das hängt nicht zuletzt vom Verhandlungsgeschick der EU ab. Aber eines steht schon fest: Mittelfristig kommen neue und zusätzliche organisatorische, rechtliche und finanzielle Belastungen auf europäische Industrien und Dienstleister zu, was den Handel mit und in Großbritannien angeht.

Wer wird besonders betroffen sein von Brexit-Auswirkungen? Und was können Industrie und Dienstleister dagegen tun?

Vor allem die Industriebereiche, die besonders kapitalintensiv sind, also Maschinen- und Anlagenbau oder Automobilbau, die hohe Investitionen in Material und in die Fertigung erfordern. Das gilt aber auch für die Chemie und Pharmazie, die enorm hohe Forschungs- und Entwicklungs-Investitionen brauchen und die zudem lange und aufwendige Genehmigungszeiten und -verfahren haben. Sie werden besonders unter einem rückläufigem Handel mit UK zu leiden haben und sie müssen versuchen, die Brexit-gefährdeten Exporte durch andere Exportströme zu kompensieren: Also durch verstärkten Handel in Europa und weltweit.

Da bleibt auch abzuwarten, was von den Trump’schen Handelsbeschränkungen künftig wirklich Realität  werden wird – auch da herrscht ja bislang Unsicherheit vor. Die osteuropäischen Länder werden sich besonders schwer damit tun, ihre Exporte zu steigern und neue Märkte zu erschließen, da ihr Exportvolumen und damit ihre Marktmacht relativ gering ist und zudem viele außereuropäischen Länder Probleme mit dem starken Euro haben.

Auf alle Fälle heißt das für die Industrien und Dienstleister Europas, dass sie für die Ausweitung bestehender Handelsströme sowie die Erschließung neuer internationaler Märkte  Kapital brauchen.

Woher soll das kommen?

In den Unternehmen müssen Finance und Controlling genau analysieren, was das Unternehmen in UK absetzt, welche Exportvolumina gefährdet sind, welche zusätzlichen Kosten durch neue Regularien, Gesetze und Zölle entstehen können – kurz, welchen Risiken das Unternehmen künftig ausgesetzt sein wird. Dieser Analyseprozess muss permanent fortgeschrieben werden, bis die voraussichtlich 2019 zwischen EU und UK  festgeschriebenen Brexit-Bedingungen feststehen.

Parallel dazu sollten die Anstrengungen konsequent verstärkt werden, Kapital und Liquidität durch Verbesserung des Umlaufvermögens und die Verkürzung der Kapitalbindungsdauer zu schaffen: Angesichts der extremen Unsicherheiten, die der Brexit für die nahe Zukunft mit sich bringt, ist Liquidität durch die Optimierung der Working Capital-Performance auf alle Fälle neuen Kreditaufnahmen vorzuziehen – trotz der niedrigen Zinsen. Denn:

  • Liquidität aus eigener Kraft macht es möglich, drohende Geschäftseinbußen zu kompensieren und
  • neue Exportkanäle zu erschließen sowie existente Exporte zu verstärken.

Wird das als Allheilmittel ausreichen?

Natürlich nicht. Eine Optimierung der Working-Capital-Performance ist kein Allheilmittel gegen alle möglichen Brexit-Effekte. Aber sie kann europäische Unternehmen in jedem Fall widerstandsfähiger machen. Sie bietet also keinen hundertprozentigen Rezessionsschutz, stärkt aber das Immunisierungspotenzial. Denn man darf auch nicht vergessen, dass so in den Unternehmen nicht allein kostengünstig Liquidität generiert wird – eine Verbesserung des Working Capital schafft automatisch auch eine Steigerung der gesamten Leistungsfähigkeit der Unternehmen und macht sie also generell leistungsfähiger für den Wettbewerb.

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